Aachener Nachrichten, 17. Mai 2003

(von Nachrichten-Mitarbeiterin Juliane Klieser)

Medizin ohne Nebenwirkungen:
Manfred Paier reißt mit seinen Späßen Senioren aus der Apathie

"Doktor Clown" bringt vielen Menschen das Lachen zurück

Im Seniorenzentrum der Itertalklinik ist Kaffee-Zeit. Heute kommt Doktor Clown. Das ist der Mann, der einmal pro Woche für ein paar Stunden die alten Leute "aufmischt", auch die Demenzkranken . Manfred Paier heißt er, und jeder, den man nach ihm fragt, bekommt so ein freudiges Augenzwinkern in den Blick: Heimleiter Hans-Josef Pütz, Pflegedienstleiter Zeljko Turkalj, die Pflegenden.

Stille im Raum

Im Aufenthaltsraum sitzen etwa zehn alte Menschen. Manche sind apathisch und starren bewegungslos vor sich hin. Einer Frau ist der Kopf auf die Schulter gesunken. Schläft sie? Es ist ziemlich still im Raum.

Den Flur entlang schreitet mit langen Schritten eine große schlanke Gestalt. Das heißt, der Unterkörper, in eine riesige, weiße Blumenmusterhose gehüllt, ist nicht schlank, und die ausladenden Hüften bewegen sich seltsam hin und her. Riesenschuhe, Hemd mit bunten Knöpfen, rote Nase und ein roter Zopf, der aus dem Hut heraus schaut: Eindeutig, hier kommt der Clown. Es knallt. Das war einer der Luftballons, die im Hosenboden stecken.

Mit seinem Requisiten-Wagen betritt Manfred Paier den Raum, stellt ein Maus-Marionetten-Gerät vor sich auf, das mit dem Fuß bedient wird, und spielt eine fröhliche Melodie auf dem Akkordeon. Die Stoffmaus tanzt dazu. Einige im Publikum schauen auf, manche lächeln. Dann geht der Clown musizierend von Tisch zu Tisch, drückt den Senioren Rhythmusinstrumente oder lustige Luftballonfiguren in die Hand, schäkert mit ihnen. Als von neuem Musik erklingt, erhebt sich eine Dame und beginnt zu tanzen. Die scheinbar Schlafende reagiert nicht.

Das Schweigen gebrochen

Doktor Clown spielt direkt vor ihr auf. Sie hebt den zögernd den Kopf, und er lächelt sie an. Es knallt. Ein Staunen huscht über das Gesicht der Frau. Nun ist sie wach, freut sich und beginnt, ihre Hände im Rhythmus zu bewegen.

"Der kann toll spielen! Der ist was wert, der Mann mit dem Hut", ruft die Tanzende begeistert aus.

Unglaublich, wie sich die Stimmung verändert hat. Auch ein unbeteiligter Zuschauer findet dieses Alt-Sein auf einmal gar nicht mehr so schlimm. Manfred Paier musiziert, hüpft durch den Raum, spricht mit den Leuten, bastelt ohne Unterlass seine lustigen Luftballons. Ohne Zaudern machen alle mit. Es wirkt so selbstverständlich, wie der fröhliche Mann den Bewohnern des Seniorenheims gegenüber tritt. Und sie lachen und reden wieder, heraus gerissen aus dem Schweigen und der Stille.

* Setzt seit 25 Jahren auf die Magie eines Lächelns: Harlekin Manfred Paier

"Ich habe Leute vom Schreien zum Singen gebracht"

Wer den Film "Patch Adams" mit Robin Williams gesehen hat, der hat eine ungefähre Vorstellung davon, was Manfred Paier tut und warum. Der Film erzählt die wahre Geschichte eines Arztes in den USA, der schon als Medizin-Student in einer Kinderklinik den Clown spielte und dabei feststellte: Die Medizin sollte nicht allein den Tod bekämpfen, sondern den (Tod-) Kranken mehr Lebensqualität bringen.

Trotz des Schlimmen lachen

In vielen Krankenhausstationen und anderen Pflegeeinrichtungen geht es bitterernst zu. Aber jeder kann lernen, trotz des Schlimmen zu lachen. "Wir müssen Gesundheit anders definieren", meint Paier, "nämlich als freudiges, vitales Leben". Die alte Dame, die lacht und tanzt, fühlt sich gesund, in dem Moment ist sie gesund. "Der Mensch muss als ganzheitliches Wesen gesehen werden". Der 45-Jährige ist studierter Theaterwissenschaftler und wohnt in Düren. Viele Jahre lang hat er Zirkuskunst gemacht, unter anderem als Straßenkünstler. Er war in Afrika, Südamerika und anderen Ländern. Von dort brachte er nicht nur Musikinstrumente und Zirkustechniken mit- er erkannte vor allem, welch starken Einfluss seine Zirkuskunst auf einzelne Meschen hat, wie gut sie bei Kranken, Einsamen oder von Angst Umgetriebenen tut.

"Ich habe Leute vom Schreien zum Singen gebracht", erzählt Paier und scheint selber darüber zu staunen. "Verwirrte alte Menschen haben verständliche Worte gesprochen und sind für Momente ganz klar geworden, weil ich sie über ihr Gefühl angesprochen habe!"

Seit 25 Jahren ist Paier der Clownerie treu - ein Überzeugungstäter im Hauptberuf. Er besucht im Klinikum die Kinderstation und seit neustem die alten Menschen und Demenz-Kranken im Seniorenzentrum Walheim. Die Einrichtungen beschäftigen ihn auf Honorar-Basis.

Für diesem Jahr plant Paier verschiedene Modellprojekte, die wissenschaftlich begleitet, das heißt dokumentiert werden. Denn er sieht, dass "die Zahl von Demenz-Kranken in Zukunft prozentual stark zunehmen wird. Darauf müssen wir reagieren und eine menschliche Pflegeweise einführen".

 

Liebe statt Distanz

Bei dieser soll, so sein Traum, die professionelle Distanz ersetzt werden durch Freundschaft, Freude, Lachen, Liebe. Nicht nur die Alten und Kranken profitieren von dem Spaß, den Paier bringt - auch die Pflegenden. Sie haben selbst etwas zu lachen, und sie bekommen Patienten, die wesentlich "pflegeleichter" sind. Die Patienten fühlen sich besser, sie nörgeln nicht. Alles wird leichter, alles geht schneller. Ein Aspekt, der auch die Kranken - und Pflegekassen interessieren sollte. Der liebenswerte Spaßbringer bringt es auf den Punkt: "Eine von Menschlichkeit und Heiterkeit geprägte Pflege spart letztlich Kosten. Es sollte den Dr. Clown auf Krankenschein geben!"